Pilgern boomt. Insbesondere auf dem Camino Francés und dem Camino Portugués steigen die Pilgerzahlen stetig – Einsamkeit und Stille sucht man hier teilweise vergebens. Die gute Nachricht: In Spanien wurden 49 Strecken als Jakobswege ausgeschildert. Fünf Alternativen für ruheliebende Pilger.
Camino del Invierno – auf der Spur des Goldes

Der Camino del Invierno startet in der Stadt Ponferrada.
Der Weg ist das Ziel – so leben es heute viele Pilger. Entscheidend sind Erfahrungen, Begegnungen und das Entschleunigen. Im Mittelalter war das anders: Damals zählte vor allem das Ziel, das Ankommen am Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela – und das so sicher und risikolos wie möglich. Um Gefahren zu vermeiden, nahm man sogar Umwege in Kauf.
Eine solche historische Variante des Camino Francés ist der Camino del Invierno, der Winterweg, der in der kalten Jahreszeit die harschen Wetterbedingungen und die vereisten Höhen von O Cebreiro meidet. Ab Ponferrada (Kastilien und León) folgt er einer alten Römerroute, auf der Gold aus den Minen talwärts zum Fluss Sil transportiert wurde. Der Invierno folgt lange dem Flusslauf und stösst bei Lalín (Galicien) auf die Vía de la Plata. Mit rund 250 Kilometern ist der «Invierno» perfekt für einen zweiwöchigen Kurz-Camino – weitab vom Trubel der Hauptroute.
Die Variante führt durch eine typische galicische Bilderbuchlandschaft: sanfte Hügel, steinverwobene Dörfer und ausgedehnte Eukalyptuswälder. Entlang des Winterwegs liegen zudem herausragende Sehenswürdigkeiten: die römischen Goldminen von Las Médulas und die Ribeira Sacra, das «geweihte Land» – so genannt, weil ungewöhnlich viele romanische Kirchen und Klöster dicht beieinander liegen. Man sollte also auch Zeit fürs Innehalten und Entdecken einplanen – und für ein Glas Wein: Die Ribeira Sacra gilt als das berühmteste Weinanbaugebiet Galiciens. Angebaut werden vor allem die Rotweinsorte Mencía und die typische regionale Weissweinsorte Albariño.
Der Camino del Invierno auf einen Blick
- Streckenverlauf: Von Ponferrada bis Santiago de Compostela
- Länge: 250 km
- Schwierigkeitsgrad: mittel (Im hügeligen Galicien sind immer auch Steigungen zu bewältigen.)
- Zeitbedarf: 2 Wochen
- Infrastruktur: einfach. Nicht in jedem Ort findet man eine Bar oder einen Laden, daher ist eine etwas gründlichere Planung nötig. Es gibt genügend Herbergen und Unterkunftsmöglichkeiten.
- Beste Jahreszeit: Mai bis Oktober
Der Camino Mozárabe – der vielleicht schönste Jakobsweg Spaniens

Olivenhaine, kalkweisse Dörfer und Sehenswürdigkeiten wie die Alhambra (Granada) und die Mezquita (Kathedrale) von Córdoba: Der mozarabische Jakobsweg von Málaga (Andalusien) nach Mérida (Extremadura) gilt weithin als einer der malerischsten Spaniens – inklusive Flamenco-Abenden und Tapas, die den Gaumen verführen.
Der mozarabische Weg – der Name bezieht sich auf die maurische Besetzung der Region im Mittelalter – führt von Málaga (eine Variante startet auch in Almería) über Granada und Córdoba nach Mérida, wo er in die Vía de la Plata einmündet. Bei so viel spanischem Lebensgefühl sollte man auf den knapp 500 Kilometern vor allem eines tun: Tempo herausnehmen und tief in Spaniens Geschichte, Kunst und Alltagsrhythmus eintauchen. Und da der Camino Mozárabe wenig begangen ist, fühlt sich das Pilgern vielerorts noch ursprünglich an: Den Schlüssel für die Herberge im Rathaus abholen? Auf dieser Variante keine Seltenheit – und Teil des Charmes.
Der Camino Mozárabe auf einen Blick
- Streckenverlauf: Von Málaga nach Mérida, alternativer Startpunkt: Almería
- Länge: 500 km, bis Santiago (auf der Vía de la Plata) etwa 1500 Kilometer
- Zeitbedarf: 3–4 Wochen
- Schwierigkeitsgrad: mittel. Es geht durch einige hügelige Abschnitte.
- Infrastruktur: mittel. Nicht in jedem Ort findet man eine Bar oder einen Laden, eine sorgfältigere Planung ist nötig. Es sind genügend Pilgerherbergen vorhanden, allerdings muss man in einigen Etappen auf Hotels ausweichen.
- Beste Jahreszeit: Frühling und Herbst. Im Sommer ist die Hitze extrem – und gefährlich!
Camino de Levante – der Einsame

Es ist ein gutes Zeichen, wenn selbst das offizielle Pilgerbüro in Santiago de Compostela einen Jakobsweg nur unter «weitere Caminos» in der Statistik aufführt. Dann kann man sich sicher sein: Hier sind so gut wie keine Pilger unterwegs. So ist es auch auf dem Camino de Levante von Valencia bis nach Zamora (Kastilien und León). Zahlen sind schwer zu finden, aber mehr als ein paar Hundert Pilger nehmen den «Weg aus dem Osten» nicht unter die Wanderstiefel. Einsamkeit und Ruhe sind hier also garantiert – ausser am Startpunkt des Weges, der 825.000-Seelen-Metropole Valencia, in der man unbedingt zwei Sightseeing-Tage einplanen sollte (nicht verpassen: die Kathedrale, in der angeblich der Heilige Gral aufbewahrt wird).
Kaum hat man die brummende Metropole verlassen, führt der Weg durch schier endlose Orangenplantagen. Weiter führt der Weg durch die Region La Mancha, auf deren Höhenzügen jene Mühlen stehen, gegen die der tragische Held Don Quijote im gleichnamigen spanischen Nationalepos von Miguel de Cervantes kämpfte. Über die kastilische Hochebene, vorbei an Getreidefeldern, Weinreben und Schafherden, die die Milch für den Manchego-Käse liefern, führt der Camino de Levante durch zwei der schönsten Städte Spaniens: Toledo (Kastilien-La Mancha ) und Ávila (Kastilien und León ) – beide wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung und historischen Bausubstanz UNESCO-Welterbe. Der Levante endet nach gut 850 Kilometern in Zamora – einem weiteren Schmuckstück, wo vor allem Fans des Mittelalters das Herz aufgeht. Mit 20 romanischen Kirchen und einer intakten Altstadt gilt die Stadt als «Hauptstadt der Romanik».
Mein Tipp: früh am Tag ankommen und genügend Zeit fürs Sightseeing einplanen.
Von Zamora führt der Jakobsweg noch weitere 400 Kilometer über die Vía de la Plata nach Santiago de Compostela.
Der Camino de Levante auf einen Blick
- Streckenverlauf: Von Valencia bis Zamora
- Länge: 850 Kilometer, bis Santiago über die Vía de la Plata insgesamt etwa 1200 Kilometer
- Schwierigkeitsgrad: mittel
- Zeitbedarf: 5 Wochen
- Infrastruktur: gut. Es finden sich genügend Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten.
- Beste Jahreszeit: Frühling und Herbst. Im Sommer sehr heiss.
Camino Primitivo – wo alles begann

Der Camino Primitivo startet in der Stadt Oviedo und trifft bei Melide auf den Camino Francés, teilt sich also die letzten drei Etappen mit der Hauptroute. Historisch soll der Camino Primitivo der erste Pilgerweg nach Santiago gewesen sein: daher der Zusatz «primitivo», der Ursprüngliche. Die Geschichte berichtet, König Alfonso II. von Asturien sei im 9. Jahrhundert von seiner Hauptstadt Oviedo (Asturien) als erster Pilger zum neuentdeckten Grab gepilgert und habe diese Route genommen.
Der 300 Kilometer lange Camino Primitivo gilt als anstrengend, da man das Kantabrische Gebirge überqueren muss. Allerdings erreicht der höchste Punkt gerade mal 1200 Meter. Zwar muss man an einigen Tagen bis zu 1000 Höhenmeter stemmen, aber die Wege sind gut ausgebaut, sodass jeder mit einer normalen Fitness den Camino Primitivo bestreiten kann. Der «Primitivo» ist noch nicht überlaufen und deshalb auch nicht kommerzialisiert. Er verbindet eine tolle Hügellandschaft mit einem ursprünglichen Pilgererlebnis und herausragenden Kulturhighlights. Die Stadt Oviedo galt im Mittelalter wegen der Sammlung bedeutender Reliquien in der Kathedrale (UNESCO-Welterbe) als eigenständiges Pilgerziel. Zur Sammlung gehört beispielsweise das Schweisstuch, das nach der Kreuzabnahme – so will es die Legende – um den Kopf Jesu gewickelt wurde. Auch vorromanische Bauwerke haben in Oviedo die Jahrhunderte überdauert: allen voran die Kirche Santa María del Naranco (9. Jh.), unweit des Camino Primitivo. Unbedingt den kleinen Umweg einplanen! Weiter westlich führt der «Primitivo» zudem durch die Stadt Lugo (Galicien), dessen römische Stadtmauer die Altstadt bis heute vollständig umschliesst.
Tipp: Wer auf dem Camino del Norte startet, kann nach dem Städtchen Villaviciosa (kurz vor Gijón) nach Oviedo und dem Camino Primitivo abbiegen und somit zwei Jakobswege verbinden.
Der Camino Primitivo auf einen Blick
- Strecke: Von Oviedo nach Santiago de Compostela
- Länge: 300 Kilometer
- Zeitbedarf: 2 Wochen
- Schwierigkeitsgrad: moderat bis schwer. Allerdings kann jeder mit einer normalen Fitness den Camino Primitivo bestreiten. Menschen mit Gelenk- oder Knieproblemen sollten vorsichtig sein.
- Beste Reisezeit: Frühling, Sommer und Herbst. Im Sommer herrschen durch die Höhe relativ angenehme Temperaturen.
- Infrastruktur: gut.
Camino del Ebro – im Rhythmus des Flusses

Da muss der heilige Jakobus recht gestaunt haben, als ihm am 2. Januar des Jahres 40 die Heilige Maria auf einer Säule erschien. Die Gottesmutter wollte dem entmutigten Apostel, der so gar keinen Erfolg in der Missionierung der lokalen Bevölkerung hatte, Mut spenden.
Klar, dass an jener Stelle eine Kapelle errichtet wurde (eine erste ist ab dem 9. Jahrhundert nachweisbar), aus der schliesslich der grösste Barockbau Spaniens wurde: die Basílica del Pilar in Zaragoza (Aragón), eine der wenigen Kirchen Spaniens, die direkt mit der Legende des Jakobus verbunden ist.
Überhaupt ist der Camino del Ebro, der dem Fluss Ebro von der Mündung bis nach Logroño am Camino Francés folgt, stark mit dem heiligen Santiago verbunden: Auf seiner Missionsreise soll der Jünger Jesu dem Flusslauf gefolgt sein. Entstanden ist der Camino del Ebro ab dem 12. Jahrhundert, als vermehrt Pilger aus Frankreich und Italien per Boot an die spanische Küste kamen und dem Ebro bis zum Camino Francés folgten.
Für den Neuzeitpilger bietet der Camino del Ebro nebst der Stadt Zaragoza nicht nur eine lauschige Flusslandschaft, sondern auch eine Vielzahl historischer Attraktionen, darunter das besterhaltene römische Mausoleum Europas (Fabara, Provinz Zaragoza), das bedeutende Kloster von Rueda (Provinz Zaragoza) und das Castell de la Suda in Tortosa, das an eine Mini-Alhambra erinnert. Und wer Zeit für einen Ausflug erübrigen kann, sollte einen Abstecher zu den Bardenas Reales (Navarra) unternehmen – einem Wüstengebiet mitten in Europa.
Ein weiterer Pluspunkt: Der Weg stellt wegen seiner geringen Steigung kaum Ansprüche an die Kondition. Der Camino del Ebro mit seinen 440 Kilometern wird kaum von Pilgern begangen, dennoch ist der Weg gut ausgeschildert und bietet eine sehr gute Infrastruktur.
Tipp: Wer vor seiner Pilgerreise die Stadt Barcelona geniessen möchte, könnte dort auf dem Camino Catalán starten, der bei Pina de Ebro in den Camino del Ebro mündet.
Der Camino del Ebro auf einen Blick
- Streckenverlauf: Von Sant Carles de la Ràpita (Katalonien) bis Logroño (Rioja)
- Länge: 440 Kilometer, bis Santiago über den Camino Francés insgesamt etwa 1000 Kilometer
- Zeitbedarf: 2 Wochen
- Schwierigkeitsgrad: einfach, so gut wie keine Steigungen
- Infrastruktur: sehr gut. Im Ebrotal finden sich viele Dörfer und Städte mit genügend Unterkunfts- und Einkaufsmöglichkeiten.
- Beste Jahreszeit: Frühling und Herbst
Weitere Informationen zu den verschiedenen Jakobswegen und Aktivferien in Spanien unter spain.info

