2023 war ein Rekordjahr: So viele Pilger wie noch nie waren auf den Jakobswegen unterwegs. Da stellt sich die Frage: Ist der Jakobsweg überfüllt?

Das Pilgerbüro in Santiago de Compostela hat die Zahlen für das Jahr 2023 veröffentlich. 446 000 Pilger sind letztes Jahr auf den Jakobswegen unterwegs gewesen – ein neuer Rekord. 

Vor 20 Jahren, als ich meinen ersten Jakobsweg absolviert habe, waren es im Vergleich dazu nur 180 000 Pilger in einem heiligen Jahr, wenn traditionell mehr Menschen nach Santiago pilgern. Im «normalen» Jahr 2005 waren es nicht einmal 100 000. Die jetzige «Explosion» ist erst eine Entwicklung der letzten 10 Jahre, in denen die Zahlen kontinuierlich stiegen. 

Da stellt sich die Frage: Leidet der Jakobsweg mittlerweile an Overtourism? Ist es zu voll?

Klagen darüber liest man auf Blogs oder auf Social Media immer wieder. Pilger berichten, dass sie kein Bett fanden oder in einer unaufhörlichen Schlange von Menschen feststeckten.

Man muss die Pilgerzahlen differenziert betrachten

Solche einzelnen Berichte und die gestiegenen Zahlen muss man differenzierter betrachten. Dazu möchte ich die Situation auf dem Camino Francés etwas genauer unter die Lupe nehmen. Denn der Francés ist mit 49 Prozent (220 000 Menschen) immer noch der beliebteste aller Jakobswege (alle anderen, beliebten Wege, wie der Küstenweg oder der portugiesische Camino, weisen weit geringere Pilgerzahlen auf).

Jakobsweg überfüllt

Die Zahl von über 200 000 Wanderer scheint dennoch sehr hoch. Allerdings starten 60 Prozent aller Francés-Pilger in der Stadt Sarria, 100 Kilometer vor Santiago de Compostela (die minimale Distanz für die Pilgerurkunde «Compostela»). 

Das bedeutet: Auf den restlichen 700 Kilometern sind nur 40 Prozent unterwegs, also insgesamt 90 000 Menschen. Diese verteilen sich sowohl auf die gesamte Pilgersaison von Mai bis September und zudem auf verschiedene Startpunkte (im beliebten Saint-Jean-Pied-de-Port, dem traditioneller Beginn des Camino Fancés sind es nur 14 Prozent aller Pilger).

Zudem teilen sich die Jakobuswanderer, mit denen man mehr oder weniger auf derselben Etappe unterwegs ist, auf verschiedene Übernachtungsorte und auf eine grosse Anzahl Herbergen auf.

Das bedeutet zweierlei. Erstens finden sich immer ein Bett. Und sollte in der gewünschten Herberge wirklich mal kein Platz sein, in einer der anderen Herberge oder im nächsten Dorf hat es garantiert ein Plätzchen. 

Und zweitens verteilen sich die Pilger auf dem Weg, so dass es nur an beliebten und kleineren Übernachtungsspots zu einem Gefühl der Überfüllung kommen kann, wie beispielsweise in Roncesvalles, Hontanas oder Rabanal del Camino. 

Hier ist der Jakobsweg überfüllt – manchmal

Die Berichte der sogenannten «Pilgerautobahn» stammen von der Strecke zwischen Sarria und Santiago – aber auch da ist es eine Frage des Zeitpunkts. Sehr viel Menschen (oft spanische Wandergruppen) sind kurz vor dem Jakobstag (25. Juli) und im August unterwegs, wenn das ganze Land Ferien hat. In dieser Zeit kann es sein, dass alle Herbergen voll sind. Wer also die Zeit etwa zwischen Mitte Juli und Mitte August meidet, wird auch nach Sarria einen ruhigen Camino erleben können.

Also: Von den gestiegenen Zahlen und den Horrosstorys, mit denen sich manche Pilger wichtig machen wollen, sollte man sich nicht abhalten lassen, auf dem Camino Francés zu pilgern – meiner Meinung nach der schönste aller Wege. 

Aber natürlich: Der Jakobsweg ist beliebt. Wer absolute Ruhe und Einsamkeit sucht, für den ist der Camino Francés nicht die richtige Wahl. Für «einsame Wölfe» empfiehlt sich die Via de la Plata ab Sevilla, auf der im gesamten Jahr 2023 nur 7900 Pilger unterwegs waren.

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